
Vibe Coding hat die Entwicklung digitaler Produkte in kurzer Zeit grundlegend verändert. Mithilfe von KI können heute auch Menschen ohne tiefgreifende Programmierkenntnisse funktionierende Anwendungen entwickeln, bestehende Software erweitern oder innerhalb weniger Stunden einen ersten Prototypen erstellen. Für Produktteams bedeutet das vor allem eines: Die technische Umsetzung einer Idee ist nicht mehr zwangsläufig der zeitaufwendigste Teil des Entwicklungsprozesses.
Damit verschiebt sich jedoch auch die eigentliche Herausforderung. Wenn ein Prototyp schnell gebaut werden kann, wird die Frage wichtiger, ob überhaupt das richtige Produkt gebaut wird. Ein funktionierender User Flow ist noch kein guter User Flow, und eine technisch saubere Anwendung sagt wenig darüber aus, ob Nutzer ihre Aufgaben effizient und verständlich erledigen können. Genau hier bleibt Product Thinking entscheidend. Es geht darum, Nutzerbedürfnisse, Geschäftsziele und technologische Möglichkeiten miteinander zu verbinden, bevor einzelne Features und Interfaces entwickelt werden.
Das zeigt sich besonders bei Anwendungen, die vollständig mit KI-Unterstützung entstehen. Die Systeme sind sehr gut darin, etablierte UI Patterns zu erkennen und daraus funktionierende Interfaces zu erzeugen. Schwieriger wird es, wenn ein Produkt eine individuelle Informationsarchitektur, komplexe Prozesse oder spezielle Nutzergruppen berücksichtigt. Dann reicht es nicht aus, bekannte Muster zu kombinieren. Es braucht ein Verständnis dafür, warum eine bestimmte Interaktion an einer bestimmten Stelle sinnvoll ist und welche Konsequenzen sie für den gesamten User Flow hat.
Vibe Coding macht Softwareentwicklung damit nicht weniger anspruchsvoll, sondern verändert den Schwerpunkt. Entwicklung wird schneller, Iterationen werden günstiger und Ideen lassen sich früher testen. Gleichzeitig steigt der Wert von Research, UX Design und Product Strategy, weil die technische Umsetzung immer weniger der begrenzende Faktor ist. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur, ob etwas gebaut werden kann, sondern ob es für die Menschen, die es nutzen sollen, tatsächlich einen sinnvollen Unterschied macht.
Autor:

Sebastian Kratz
Founder
